Kein Job für Angsthasen Der Stahlbaumonteur

„Geggs“ Martin ist schwindelfrei und das ist auch gut so, denn sein Arbeitsplatz liegt in luftiger Höhe.

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Der Himmelsläufer

Wie schon vier Generationen von Stahlbauarbeitern vor ihm verabschiedet sich Kaniehtakeron „Geggs“ Martin jeden Sonntag von Frau und Kind in seinem Reservat in der Nähe von Montreal und macht sich auf den Weg nach New York City. Wenn er um 23 Uhr losfährt, kommt er am Montagmorgen gerade rechtzeitig zur Arbeit. Martin, 35, ist Mohawk-Indianer und einer der Stahlbauarbeiter, die in schwindelerregender Höhe das Stahlskelett von Wolkenkratzern montieren. An allen Hochhäusern und Brücken, die die Skyline von New York prägen, haben Mohawk mitgearbeitet — vom Empire State Building über das World Trade Center bis zur Brooklyn Bridge. Martin hat einen besonders angesehenen Job: „Ich bin Verbindungsmonteur in der Aufrichtkolonne, ich klettere hoch und füge die Stahlträger in das Gerippe ein. Im Grunde errichte ich das Gebäude“, sagt er. „Das einzig Maschinelle daran ist der Kran.“

Rittlings auf einem Stück Stahl sitzend, das einmal zum 27. Stock eines Bürogebäudes gehören wird, dirigiert Martin einen schweren Stahlträger zu einer Eckstütze. Dort justiert er die sechs Löcher im Träger mit denen in der Stütze und steckt schnell einen Bolzen in eines der Löcher. Dann greift er in einen der beiden ledernen Schraubenbeutel an seinem Gürtel und steckt einen Bolzen ins nächste Loch. Schließlich sichert er die Enden mit Muttern und balanciert über den Stahlträger zum nächsten Teil. In weniger als drei Stunden haben Martin und sein fünfköpfiges Team 68 Stahlteile montiert.

An allen Hochhäusern und Brücken, die die Skyline von New York prägen, haben Mohawk mitgearbeitet — vom Empire State Building über das World Trade Center bis zur Brooklyn Bridge.

Stahlbautradition

In Kahnawake, dem Reservat, in dem Martin aufgewachsen ist und immer noch wohnt, ragen zwei knapp zehn Meter hohe Stahlträger aus dem Boden. Sie werden für Sportwettkämpfe benutzt: Die Jungen, manchmal auch die Mädchen, klettern nach oben, befestigen Stahlteile an der Spitze und rutschen wieder nach unten. Wie viele Kinder, die hier aufwuchsen, wollte auch Martin Stahlbaumonteur werden. Aber stattdessen nahm er nach der High School eine Stelle in der Forstwirtschaft an, um in der Nähe seiner Heimat zu bleiben. Doch nach zwei Jahren wurde ihm klar, dass sich hier für ihn langfristig keine Perspektive bot.

Also machte er eine Lehre als Stahlbauarbeiter in New York. Wie viele andere: Heute ist jeder Zehnte der etwa 2.000 Stahlbaumonteure im Gebiet von New York ein Mohawk. Nach drei Jahren Ausbildung — 612 Stunden Theorie und 7.000 Stunden Praxis auf der Baustelle – machte Martin seine Gesellenprüfung. Bereits während seiner Lehre arbeitete er parallel auf verschiedenen Sanierungsbaustellen, etwa bei der Verstärkung von Zwischendecken. Oder er legte Nachtschichten ein und half, Aufzugschächte zu verschließen. Dann begann er, Vollzeit als Verbindungsmonteur zu arbeiten.

Keine Angst vor großen Höhen

Inzwischen ist Martin mit seinen 15 Jahren Erfahrung zum Mentor jüngerer Stahlbauarbeiter geworden und genießt großen Respekt. Sein Rat an den Nachwuchs: „Keine unnötigen Bewegungen!“ Und: „Denkt immer daran: Abstürzen ist tödlich. Da reichen schon zwei Meter.“ Dass die Mohawk kein Schwindelgefühl kennen, ist allerdings nur eine Legende. Martin hat zwar keine Höhenangst, ist aber immer vorsichtig gewesen und dadurch unfallfrei geblieben. Jetzt verfolgt er den Aufstieg der jungen Monteure und freut sich immer wieder über das Ergebnis seiner Arbeit. „Wenn man zum ersten Mal auf der Baustelle ist, ist da nur ein Loch im Boden. Aber zum Schluss steht dort ein 50-stöckiges Hochhaus. Das ist schon ein tolles Gefühl.“

 

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Dieser Artikel erschien erstmals im Sommer 2012.



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Sagen Sie mal, Herr Martin…

… was halten Sie für Ihre größte Stärke? Was für Ihre größte Schwäche?

Meine Stärke ist meine Erfahrung, vor allem bei der Arbeit mit Jüngeren. Ich habe viel von anderen gelernt und jetzt sehe ich mich selbst als Lehrer. Meine größte Schwäche? Wahrscheinlich mein linkes Knie. Vor zwei Jahren war es das rechte, jetzt ist es das linke.

… wie würden Sie sich in wenigen Worten charakterisieren?

Lebenslustig, sehr ernsthaft, wenn es um die Arbeit geht, und fürsorglich. Ich verlange viel von mir und meinen Kollegen, damit wir unseren Job noch besser machen.

… woraus beziehen Sie Ihre Energie?

Ganz klar aus meinem Fruchtsaft, meiner gesunden Ernährung. Man muss das Richtige essen, denn der Körper ist wie eine Maschine. Ich habe zahlreiche Saftrezepte, aber die bleiben mein Geheimnis.

… was würden Sie mit auf die sprichwörtliche einsame Insel nehmen?

Mein Leatherman-Universalwerkzeug, da ist alles dran.

… welchen Traum möchten Sie sich in Ihrem Leben auf jeden Fall noch erfüllen?

Ich wünschte, meine Schwiegermutter würde den Krebs besiegen. Das ist momentan das wichtigste Thema in meinem Leben.

„Ich habe keine Höhenangst – bin aber trotzdem immer vorsichtig gewesen.“