Der Klangbildner In schweißtreibender Handarbeit fertigt Walter Gamerdinger originalgetreue Nachbauten römischer Blasinstrumente. Wie sie vor über 2.000 Jahren geklungen haben ist reine Spekulation.

„Ich poliere meine Instrumente nicht – sie sehen aus, als wären sie 2.000 Jahre alt“, sagt Walter Gamerdinger.

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Der Klangbildner

Walter Gamerdinger weiß nicht, wie eine Fanfare im alten Rom geklungen hat. Aber seine Nachbauten liefern eine Vorstellung davon.

Unzählige Male knallt der Hammer auf das Bauteil aus Goldmessing, bis Walter Gamerdinger mit der Form und Dicke des Metalls zufrieden ist. Zuvor hat er das zwischen 0,4 und 0,5 Millimeter starke Material anhand selbst gefertigter Schablonen angerissen und ausgeschnitten. Ein eigens konstruierter Dorn dient als Formgeber. Auf ihm biegt er die Zuschnitte in Form und setzt sie stumpf zusammen. Verlötet werden sie mit schwer schmelzbarem Schlaglot. Dann beginnt das anstrengende Treiben des Metalls. chlag um Schlag, kraftvoll, aber mit ganz viel Feingefühl, formt Gamerdinger den Trichter eines Instruments — das sogenannte Schallstück.

In Handarbeite gefertigte Replikate

Nach rund 40 bis 50 Arbeitsstunden hält er das Ergebnis seiner schweißtreibenden Arbeit in Händen: den originalgetreuen Nachbau einer römischen Tuba, eines Cornu oder eines Lituus. „Wie diese Instrumente vor über 2.000 Jahren tatsächlich geklungen haben, beruht auf reiner Spekulation“, erzählt der Instrumentenbauer aus dem schwäbischen Aalen. Im Aussehen entsprechen Gamerdingers komplett in Handarbeit gefertigten Replikate aber exakt ihren historischen Vorbildern.

Mit zum Teil selbstgebauten Werkzeugen bringt Walter Gamerdinger das Metall in Form.

Zufallsbekanntschaft

Musikalisch war Walter Gamerdinger schon als Kind. Bereits mit zehn Jahren erlernte er das Spielen von Tenorhorn und Posaune. Während eines Kuraufenthalts führte ihn der Zufall in die Werkstatt eines Metallblasinstrumentenbauers und für den damals 33-Jährigen stand fest: Dieses Handwerk wollte er lernen. Der gelernte Bäcker schulte um, machte seinen Meister und eröffnete Anfang 2000 einen eigenen Laden. Die Geschäfte liefen zunächst schleppend.

Als Zeitvertreib begann Gamerdinger, auf der Basis von Reliefzeichnungen aus alten Schulgeschichtsbüchern, Pläne für den Nachbau historischer Instrumente zu zeichnen. Er experimentierte, trieb seine ersten Schallstücke und baute schließlich einen Lituus nach. Dieses ursprünglich etruskische Blechblasinstrument diente den Römern bis ins 4. Jahrhundert als Signalinstrument.

Für den Instrumentenbauer war dieses erste Replikat der Beginn einer faszinierenden Leidenschaft. Inzwischen hat er sich damit in seiner Branche spezialisiert und sich bei seinen Kunden — Privatleuten, Museen im In- und Ausland sowie Theatern — einen Namen gemacht.

Mit dem Hammer bearbeitet Walter Gamerdinger das Bauteil aus Goldmessing.

Kreatives Abenteuer

Jedes von Walter Gamerdinger gefertigte Instrument ist einzigartig und hat seinen ganz eigenen Charakter. „Die sichtbaren Hammerschläge sind gewollt, ich poliere meine Instrumente auch nicht — sie sehen aus, als wären sie 2.000 Jahre alt“, erzählt der heute 46-Jährige. Beim Verfeinern seiner Techniken hält er sich an historisches Material und baut auf die Beratung von Musikexperten, die er in Museen oder auch auf Römertreffen in ganz Europa kennenlernt. „Gerade hat mir ein junger Kunstgießer zwei Mundstücke aus Bronze gegossen. Solche werde ich künftig für meine Instrumente verwenden. Das verbessert ihren Klang, er wird voller und intensiver“, ist sich Gamerdinger sicher.

Verlötet werden die Teile mit schwer schmelzbarem Schlaglot.

Mit Materialien experimentieren

Vorlage war der Abdruck eines Originals, das in einem Xantener Museum liegt und das selbst ein Spezialist wie Walter Gamerdinger nur in der Vitrine bestaunen darf. „Gäbe es ein vollständiges Instrument, wäre es interessant zu hören, wie es klingt. Ich kann mich nur auf meine Vorstellungskraft verlassen und weiter mit Materialien und Techniken experimentieren“, sagt er. Ein kreatives Abenteuer, auf das er sich immer wieder gerne einlässt. „Wenn ein Instrument fertig ist und ich es an einen begeisterten Kunden übergebe, dann ist das für mich jedes Mal eine tolle Erfahrung.“

 

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Dieser Artikel erschien erstmals im Frühjahr 2013.



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Herr Gamerdinger …

… was halten Sie für Ihre größte Stärke? Was für Ihre größte Schwäche?

Meine größte Schwäche ist, dass ich selten Nein sagen kann. Meine Stärke ist meine positive und freundliche Ausstrahlung.

… wie würden Sie sich in wenigen Worten charakterisieren?

Ich bin positiv und schaue immer nach vorne. Ich probiere gerne Neues aus und schwimme nicht mit dem Strom. Ich bin ein Mensch, der trotz vieler beruflicher, gesundheitlicher und privater Schwierigkeiten niemals aufgegeben hat. Ich habe sogar ein Buch geschrieben, das bald erscheinen soll, um anderen Menschen Mut zu machen. Egal was kam, ich habe immer daran geglaubt, dass ich meine Ziele erreichen würde. Dieser Mut und mein Optimismus bestimmen meinen Charakter.

… woraus beziehen Sie Ihre Energie?

Meine Kinder haben mir sehr viel Kraft gegeben. Und ganz klar auch aus mir selbst, aus meinem Willen, Ziele zu erreichen. Ich bin dankbar für jeden Tag.

… was würden Sie mit auf die sprichwörtliche einsame Insel nehmen?

Auf jeden Fall ein Buch zum Lachen und meinen MP3-Player. Außerdem einen Füller und genügend Patronen zum Schreiben.

Nach dem Löten beginnt das anstrengende Treiben des Metalls.


In vielen einzelnen Arbeitsschritten entsteht so der Nachbau einer römischen Tuba.


„Wenn ich ein Instrument an einen begeisterten Kunden übergebe, ist das jedes Mal eine tolle Erfahrung“, betont Gamerdinger.