Fest verwurzelt Die Geschichte einer mutigen Familie: Warum man zusammenhalten muss, um in einem wirtschaftlich und politisch instabilen Land erfolgreich zu sein.

Großer Zusammenhalt: Auch wenn jeder seinen eigenen Bereich leitet, wird alles im Familienrat besprochen. V.l.n.r.: Maya Naggiar, Ralph Naggiar, Farid Naggiar, Roy Naggiar, Fady Naggiar, Philippe Naggiar.

1 Sterne2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Geben Sie uns Ihr Feedback)
Loading...Loading...

Fest verwurzelt

Angefangen hat alles im Jahr 1860 im syrischen und heute so gebeutelten Aleppo. Zu jener Zeit war der Ort eine der letzten wirtschaftlich florierenden Städte im Osmanischen Reich, auch aufgrund seiner Lage an der „Seidenstraße“, der Verbindung zwischen Fernem Osten und Mittelmeerregion. Fast 160 Jahre und einen Umzug später hat sie vieles erlebt, durchlitten, gewagt und gewonnen: die Firma Naggiar.

Vor genau 157 Jahren gründete der damals erst 17-jährige Gabriel Najjar zusammen mit seinem wohlhabenden Schwager einen Handel und verkauft unter dem Namen Dabbagh&Naggiar Stahl, Werkzeuge und Eisenwaren. Zu einer Zeit, als noch nicht einmal der Suezkanal errichtet war, bauen die jungen armenischstämmigen Unter­nehmer ein solides Unternehmen auf und erschließen schon bald wichtige Märkte. Auch die Handelspartnerschaften wachsen stetig weiter – vor allem unter italienischen Lieferanten hat Najjar einen guten Ruf. Heute, 2017 und vier Generationen später, erzählt Philippe Naggiar, warum gerade dies zu einem Meilenstein der Unternehmens- und Familiengeschichte werden sollte: „Weil die vielen italienischen Geschäftspartner Najjar nicht korrekt aussprechen konnten, haben meine Vorfahren kurzerhand den Namen zu Naggiar angepasst – zunächst nur den des Unternehmens, später auch den unserer Familie.“ Auch wenn das schon mehr als 100 Jahre her ist, erzählt der Naggiar-Nachfahre die Geschichte gerne. „Denn sie zeigt, wie wichtig unserer Familie schon damals gute Geschäftsbeziehungen waren.“

In den 2000er-Jahren hatte ein anderes Familienmitglied, Fady Naggiar, die Vision, in die Modernisierung des Naggiar Service Centers zu investieren. Damit begann die Erfolgsgeschichte von Naggiar und TRUMPF. Naggiar bietet heute eine große Band­breite von Produkten aus rostfreiem Stahl, Aluminium, Messing, Kupfer und Zink an. Außerdem Serviceleistungen, Design und technischen Support. Das Unternehmen setzt sich aus fünf Geschäftsbereichen zusammen: Metallbeschaffung, Architekturprodukte, Service Center, Ausrüstung und Zubehör sowie Verpackungsmaterialien. Die Einheiten werden von Fady, Roy, Ralph, Maya und Philippe Naggiar geleitet. Farid Naggiar ist Generaldirektor. Mit seinen 27 Jahren ist der promovierte Elektroingenieur Philippe Naggiar zwar der jüngste Geschäftsführer, aber bei Weitem kein Neuling in der Branche. Er ist mit Naggiar aufgewachsen und das erste Familienmitglied der fünften Generation im Unternehmen. Leicht hat er sich den Einstieg trotzdem nicht gemacht, denn er verfügt auch über andere Talente: Er hat dafür sogar seine große Leidenschaft, die Zauberei, aufgeben. Aber Blut ist dicker als Wasser. Philippe Naggiar spürte, wo er hingehört und ist heute glücklich, Teil der Zukunft des Unternehmens zu sein.

Blut ist dicker als Wasser

Familie ist für die Naggiars alles. Seit der Gründung durch Gabriel Najjar ist das Unternehmen fest in Familienhand – ohne Unterbrechung. Während einer so langen Zeit lassen sich interne Reibereien und Meinungsverschiedenheiten nicht vermeiden. Dennoch haben die Brüder, Schwestern, Neffen und Nichten immer zusammen­gehalten. „Es funktioniert, weil wir dieselbe Vision und dieselbe Passion für das Unternehmen teilen. Auch, wenn jeder eigene Entscheidungen trifft.

Dieser Zusammenhalt ist in der krisengeschüttelten Region des Nahen Ostens besonders wichtig. 1935 verlagerten die Naggiars ihren Firmensitz von Aleppo nach Beirut im Libanon, wo sie seitdem beheimatet sind. Auch wenn es nicht immer leicht war. „Hier bei uns dreht sich alles um Mut – man braucht wirklich eine ganze Menge davon in unserem Land“, erzählt Philippe Naggiar. Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Libanon sind kompliziert und extrem. In dem kleinen Land mit etwa vier Millionen Einwohnern leben 17 verschiedene Religionsgemeinschaften zusammen. Es beherbergt im Vergleich zu seiner Bevölkerungszahl die weltweit höchste Anzahl von Flüchtlingen: auf 1000 Einwohner kommen mehr als 180 Flüchtlinge. Der Libanon hat eine lange Tradition als Handelsnation, doch der Bürgerkrieg und die Kämpfe infolge der Auseinandersetzung mit Israel 2006 haben erhebliche wirtschaftliche Schäden verursacht und die Rolle des Landes als Drehscheibe für Handel und Dienstleistungen im Nahen Osten beeinträchtigt. Spuren sind trotz des teilweise gelungenen Wiederaufbaus in der Innenstadt von Beirut bis heute zu sehen. Mit Syrien brach in den letzten Jahren zudem ein wichtiger Absatzmarkt weg, und der Überland-Transit in die Golfstaaten und auf die arabische Halbinsel wurde erschwert. Die Naggiars haben sich trotzdem nie von ihrem Standort abgewendet, den sie als modern, mutig, konservativ, aber auch sehr offen beschreiben. Im Gegenteil: Das Familienunternehmen investiert in neue Maschinen und entwickelt neue Produkte. Weil es von Patrioten geführt wird, die an Beirut, den Libanon und die Menschen dort glauben. Darüber hinaus engagiert sich Naggiar schon seit 2008 in Katar und ist mit Naggiar Qatar spezialisiert auf Architekturprodukte.

Stillstand ist keine Option

Die libanesische Wirtschaft habe viel Potential, so die Familie Naggiar. Es gebe viele schlaue, extrem gut ausgebildete Menschen mit Unternehmergeist. Jeder einzelne, der nicht ins Ausland gehe, sondern im Libanon bleibe, sei wichtig. Und mutig. Heute sind noch immer 80 bis 85 Prozent der Unternehmen im Libanon in Familienhand. „Sie sind ein wichtiger Grund, warum die Industrie stabil bleibt. Ihre Erfahrung wird dringend gebraucht“, sagt Philippe Naggiar.

Er selbst war 2011 in Deutschland, um ein Praktikum in Ditzingen bei TRUMPF zu absolvieren. Zwei Monate lang lernte er dort die Maschinen kennen, die er später in Beirut betreiben wollte. „Es war wichtig, sie von Grund auf zu verstehen und selbst mit ihnen arbeiten zu können.“ Und er ist nicht der Einzige, der diese Auslandserfahrung gemacht hat: Schon seit mehreren Generationen entsenden die Naggiars ihre Töchter und Söhne ins Ausland, um ihren Horizont zu erweitern. Und damit auch die Firma voranzubringen. Stillstand ist keine Option. Deswegen haben die Naggiars nach der letzten Euroblech im Oktober 2016 auch wieder eine neue Maschine gekauft. Die TruLaser 5030 fiber mit der höchsten verfügbaren Laserleistung von acht Kilowatt.

Der nächste große Schritt ist die Automatisierung der Produktion, die in zwei Jahren erfolgen soll – auch zusammen mit TRUMPF. Den Deal für die neue TruLaser 5030 haben die Naggiars in weniger als 30 Minuten abgeschlossen: „Mit den richtigen Partnern ist es leichter mutig zu sein.“

 

Sie haben Fragen?

Schreiben Sie uns: Blechhelden@de.trumpf.com

Dieser Artikel erschien erstmals im Sommer 2017.



Schreiben Sie einen Kommentar

*

Bitte füllen Sie folgende Felder aus: Name, E-Mail-Adresse, Kommentar (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht).