Moderne Netzwerker Holger Klein will Arbeitsplätze schaffen. Deshalb hat die Lebenshilfe Zollernalb eine Blechfertigung.

Um innovative Ideen ist Lebenshilfe-Geschäftsführer Holger Klein nicht verlegen – moderne Treppengeländer sind eine davon.

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Moderne Netzwerker

Nicht den Gewinn, sondern die Arbeitsplätze will Holger Klein maximieren. Klingt verrückt, ist aber eine zentrale Aufgabe der Lebenshilfe Zollernalb e. V.

Eigentlich arbeitet Holger Klein gegen den Trend. Statt zu automatisieren, sucht er nach Arbeitsschritten, die möglichst viele Arbeitsplätze schaffen. Eigentlich — denn gleichzeitig muss er konkurrenzfähig bleiben. Ein Spagat, den Klein seit Mai 2009 täglich meistert. Damals hat er das Integrationsprojekt AIZ Arbeitsidee Zollernalb gGmbH im idyllisch gelegenen Albstadt-Lautlingen gegründet. Es ist das erste Projekt dieser Art bei der Lebenshilfe für Behinderte Zollernalb e. V., die er seit zehn Jahren als Geschäftsführer leitet. „Wir wollen Kernkompetenzen aufbauen und miteinander vernetzen“, sagt Klein über die strategische Ausrichtung.

Dafür hat er bereits viel getan. In modernen Werkstätten an vier Standorten im Zollernalbkreis arbeiten rund 600 psychisch und körperlich behinderte Menschen: in der Metall- und Kunststoffbearbeitung, Kabelkonfektion, Leiterplattenbestückung und der Fertigung von Systemkomponenten oder Wasserzählern. Einen Reinraum und eine Druckerei gibt es ebenfalls — und hochwertigen Kaffee verkauft die eigene Kaffeerösterei in Albstadt-Lautlingen.

Neuland betreten

An dem Standort bastelt Holger Klein derzeit an seinem neuen Standbein: der Blechbearbeitung. In einem eigens für das Integrationsprojekt erstellten Gebäude stehen moderne Laser-, Stanz- und Biegemaschinen, auf denen Teile für den eigenen Bedarf, vor allem aber für Unternehmenskunden gefertigt werden. Dabei fiel der Startschuss für die AIZ zu einem erdenklich schlechten Zeitpunkt — mitten in der Krise. Doch ein Zurück gab es für Klein nicht, dafür hatte er das Projekt zu lange und zu gut geplant. „Wir haben gründlich geprüft, womit wir eine wirtschaftliche Perspektive haben“, erinnert er sich. „Und es hat auch Vorteile, schlecht zu starten: Jedes Monatsergebnis ist ein Erfolgserlebnis“, sagt Klein lachend.

Mit dem Integrationsprojekt betritt er nicht nur technologisches Neuland: „In unserer Werkstatt im Nachbargebäude arbeiten Menschen, die so schwer behindert sind, dass sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keine Möglichkeiten haben“, erläutert Klein und zeigt durch die großen Fenster nach draußen. „Unser Integrationsprojekt funktioniert dagegen wie jedes andere erwerbswirtschaftliche Unternehmen.“ Alle Arbeitsplätze sind sozialversicherungspflichtig, behinderte und nicht behinderte Menschen arbeiten zusammen: „Im Integrationsprojekt hier ist unser Ziel, keine roten Zahlen zu schreiben. Allerdings wollen wir nicht den Gewinn, sondern die Arbeitsplätze maximieren.“

Kreative Ideen

Die Blechfertigung arbeitet eng mit der Schlosserei zusammen, die direkt über der Produktionshalle untergebracht ist. Hier entstehen Vordächer aus Glas und Edelstahl. Mit der Marke „Designvordach“ hat es die Lebenshilfe zum Marktführer im süddeutschen Raum gebracht. Das Erfolgsprodukt fertigen die zwölf Mitarbeiter der beiden Bereiche gemeinsam. Simon Schneider ist Teil des Teams: Als echtes Lebenshilfe-Gewächs und Vollblutmetaller hat der 29-Jährige vor neun Jahren bei der Lebenshilfe angefangen, mit einer Ausbildung als Industriemechaniker und einer zweiten zum Arbeitserzieher. Seit eineinhalb Jahren baut er als Fertigungsleiter die Blechbearbeitung mit auf.

Hakan Okutan (links) macht ein Praktikum im Integrationsprojekt. Sozialwirt Daniel Gonser (Mitte) und Fertigungsleiter Simon Schneider unterstützen ihn dabei.

Daniel Gonser unterstützt ihn seit Kurzem dabei. Der studierte Sozialwirt war bisher im Zentraleinkauf der Lebenshilfe tätig. Nun kümmert er sich um die Organisation und Personalarbeit für Blechbereich und Schlosserei. Für beide eine spannende Aufgabe: „Wenn man mit behinderten Menschen arbeitet, hat man viel Verantwortung“, betont Schneider. „Sie benötigen deutlich mehr und intensivere Anleitung, bis sie ihre Arbeit richtig ausführen können — dann arbeiten sie aber in der Regel viel besser und sorgfältiger als Menschen ohne Behinderung.“

Stolz auf die Arbeit

Am Touchscreen der TruLaser 3030 zeigt er seinem Mitarbeiter Markus Maier gerade, wie er ein Programm aufruft und startet. Dieser ist seit drei Jahren bei der Lebenshilfe und war von Anfang an in der Metallbearbeitung mit dabei: „Ich biege zum Beispiel Teile an der Biegemaschine, lege die Platine auf die Stanzmaschine und starte das Programm“, berichtet er. „Einwandfrei“ gefällt ihm seine Arbeit — und er ist stolz darauf. „Ich würde auch künftig gerne hier arbeiten. Das ist mein Arbeitsplatz“, betont er.

Beim Abräumen der Maschine hilft ihm Hakan Okutan. Er macht seit Kurzem ein Praktikum im Integrationsprojekt — bisher arbeitete er im Lager der Werkstatt nebenan: „Die Arbeit hier macht mir aber viel mehr Spaß“, sagt er. „Ich lade die Teile ab, prüfe ihre Rückseite und entgrate sie, wenn es nötig ist. Dann staple ich sie in Kisten und helfe meinem Kollegen beim Tragen von größeren Platten oder Teilen.“

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Komponenten und Baugruppen fertigt die AIZ gGmbH für Kunden aus Medizintechnik, Maschinenbau  sowie Bau- oder Möbelindustrie. „Derzeit kommen rund 40 Prozent der Aufträge aus der direkten Umgebung, dem Zollernalbkreis, 60 Prozent der Teile gehen an überregionale und internationale Kunden“, sagt Klein. Er rechnet damit, dass der Anteil der regionalen Aufträge sinken wird. Darum ist es ihm so wichtig, Kernkompetenzen aufzubauen und miteinander zu vernetzen. „Denn niemand fährt 100 Kilometer, um zwei Schrauben reingedreht zu bekommen“, sagt er. „Wir brauchen ein Unterscheidungsmerkmal, das uns für überregionale Kunden interessant macht. Bei uns erhalten Kunden sämtliche Prozessschritte aus einer Hand.“

Intensive Partnerschaften mit Unternehmenskunden sind ihm ebenfalls wichtig, sie reichen weit über die Fertigung hinaus. Für den Büromöbelhersteller Interstuhl im benachbarten Meßstetten-Tieringen fertigen die AIZ-Mitarbeiter zum Beispiel Blechteile und die Interstuhl-Auszubildenden machen Sozialpraktika bei der Lebenshilfe. Der gemeinsame Messeauftritt ist ebenfalls Teil der engen Partnerschaft. „Wir arbeiten in allen Bereichen zusammen, denn wir müssen uns vernetzen“, betont er. Dass der Preis ebenfalls eine entscheidende Rolle spielt, ist ihm bewusst: „Auf dem Markt gibt es nur drei Möglichkeiten: Sie können kooperieren, konkurrieren oder verschwinden. Letzteres versuchen wir zu verhindern“, erklärt er lachend.

 

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Dieser Artikel erschien erstmals im Sommer 2011.



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Gut vernetzte Ideenschmiede

Wer:

Arbeitsidee Zollernalb gGmbH, Albstadt-Lautlingen. Gegründet 2009, 12 Mitarbeiter. www.lebenshilfe-zaw.de

Was:

Prototypen bis mittlere Serien, Einzelteile und Baugruppen. Metalbearbeitung und Schlosserei sind eng verzahnt und fertigen als Komplettanbieter unter anderem Vordächer aus Glas und Edelstahl

Womit:

TruMatic 6000, TruLaser 3030,
TruBend 5130

Markus Maier ist stolz auf seine Arbeit. Die macht nicht nur Spaß, sondern auch finanziell unabhängig.


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